Abgrenzung zuerst uns selbst gegenüber

Im Außen erscheint oft vieles irgendwie besser und leichter. Nicht, dass bei anderen nur eitel Sonnenschein wäre, aber oft beschleicht mich das Gefühl, ich nähme die Dinge viel zu schwer. Dann beginnt das Hadern: Warum kann ich nicht positiver durchs Leben gehen? Neidvoll hänge ich an den Lippen der Optimisten. Stopp: Abgrenzung ist angesagt, denn ich bin ich und nicht die anderen.

Abgrenzung bedeutet, dir selbst ein „Nein“ zu geben, wenn deine Motive nicht auf Liebe basieren.

Abgrenzung nach außen, um sich innen zu entfalten

Kennst du das Buch „The Bif Five for Life“ von John Strelecky? Ich hatte es vor Jahren gelesen und jetzt wieder hervorgekramt, um es meinem Sohn zu geben. Der Autor schreibt darin von sogenannten „Museumstagen“. Die Idee dahinter ist folgende: Würdest du am Ende deines Lebens ein Museum errichten, um zu dokumentieren, wie dein Leben verlaufen ist, welche Exponate, Videos oder Installationen würden die Besucher dort zu sehen bekommen? Gab es viele sogenannte „Museumstage“, die es wert sind, sie zu zeigen, oder gab es viel zu viele graue und dunkle Tage leer an Bedeutung, die man eher nicht exponieren möchte?

„Wie würden wir uns fühlen, wenn wir wüssten, dass uns das Museum für immer und ewig so zeigen würde, wie man sich an uns erinnert? Alle Besucher würden uns genau so kennenlernen, wie wir tatsächlich waren.“

aus: Big Five for Life

Natürlich ist das Buch von John Strelecky eine Aufforderung, etwas aus seinem Leben zu machen und ebenso Gutes zu tun. (Und ich kann nicht nur das Buch, sondern auch die Seminare empfehlen, die eine Entdeckungsreise zu sich selbst sind.) Mir gefällt dieses Bild mit dem Museum. Es gibt mir zu denken. Selbstverständlich möchtest du (wie ich auch), dass in deinem Museum vor allem „schöne“ Bilder hängen. Und ich denke mal, dein Anspruch wäre auch, keine sogenannten “Fakes“, sprich vorgetäuschte Wahrheiten zu zeigen, sondern authentisch zu bleiben, ehrlich. Und genau das ist der Grund, weswegen ich heute über Abgrenzung schreibe. Ohne Abgrenzung wird es nämlich schwierig, aufrichtig zu bleiben. Die ewige Jagd nach dem „Vorzeigbaren“, nach dem nach außen Perfektem, setzt uns unter Druck. Im Endeffekt verstärkt sich dadurch nur das Gefühl, dass vieles verbessert werden sollte und nicht reicht, wie es gerade ist. Daher ist Abgrenzung wichtig. Du darfst dir beispielsweise auch „Bilder in deinem Museum“ zugestehen, die nicht in schillernden Farben leuchten, sondern fade und trist sind. Denn um authentisch zu bleiben, müssen wir uns so annehmen, wie wir sind, auch wenn wir damit den „Museumsbesuch“ der anderen eventuell vermiesen.

„Wir sind am glücklichsten, wenn wir unseren dauerhaften Persönlichkeitsmerkmalen wirklich Raum geben können. Deshalb sollte nicht Selbstoptimierung das Ziel sein: sondern Selbstverwirklichung.“

Prof. Dr. Jens Asendorpf, aus Interview mit „Geo Wissen

Abgrenzung von falschen Wunschbildern

Abgrenzung von den Wunschbildern im Außen und Zuwendung zu dir selbst, zu deinem Inneren. Beispielsweise nehme ich mir vieles zu Herzen und schaue meistens erst einmal auf die eventuellen Probleme, statt das Positive unvoreingenommen und freudvoll zu begrüßen. In der Kindheit war ich zuhause immer das Sensibelchen. Somit bin ich oft am Grübeln, am Infragestellen und mit der Leichtigkeit klappt es auch nicht immer. Doch dieser Wesenzug, meine Sensibilität, gehört zu mir. Andererseits bin ich dadurch einfühlsam und spüre schnell, wenn es jemanden schlecht geht. Alles hat zwei Seiten. Mein Anspruch, nach außen immer zu strahlen, davon muss ich mich abgrenzen und stattdessen meine Grübelei liebevoll umarmen. Denn es sind meine eigenen Ansprüche, wie ich im Außen dastehen möchte, die mir nicht guttun. Bin ich achtsamer und nehme meine Beweggründe bewusster wahr, kann ich mich von diesen Ansprüchen abgrenzen und mir zugestehen, zu sein, wie ich bin.

In der Achtsamkeit erkennen wir, wer wir wirklich sind, und warum uns das Außen verleitet, warum wir uns von Fremdbildern verführen lassen.

Je achtsamer du die Emotionen wahrnimmst, die durch die Bilder von scheinbar erfolgreicheren und optimistischeren Menschen in dir getriggert werden, desto klarer erkennst du, welche Motive diesen Gefühlen zugrunde liegen. So kannst du auch unterscheiden, ob du dich beispielsweise wirklich aus innerem Antrieb heraus verändern möchtest oder ob es die Erwartungen anderer und der soziale Druck sind, die dahinterstecken. Oder aber dein Mangel an Selbstliebe.

Statt dem Optimierungswahn zu folgen, wäre es sinnvoller, anzunehmen, wer man ist und sich mit sich selbst auszusöhnen.

Abgrenzung für mehr Authentizität

Abgrenzung bedeutet also nicht nur, zu anderen „Nein“ zu sagen und sich Zeit für sich selbst einzuräumen. Abgrenzung bedeutet vor allem auch, sich vor den eigenen Ansprüchen zu schützen und mithilfe achtsamer Wahrnehmung in sich hineinzuhorchen, ob das, was gerade erstrebenswert scheint, ein Wunsch aus dem Herzen ist oder vom Kopf diktiert wird. Diese achtsame Konfrontation mit sich selbst erfordert natürlich absolute Ehrlichkeit. Das ist nicht immer angenehm. Doch nur so können wir uns auch tatsächlich selbst verwirklichen und verändern: Annehmen, was ist und dann schauen, was daraus werden kann, ohne uns zu verleugnen.

Abgrenzung bedeutet: „Ja“ zu sich selbst sagen.

Natürlich klappt das nicht sofort. Und nicht immer sind die Motive so eindeutig. Beispielsweise fahre ich mindestens einmal die Woche zu meinem alten Vater. Als ich mich neulich wegen einer Erkältung schlapp und schwach fühlte, habe ich es nicht geschafft, zu mir selbst „Nein“ zu sagen. Zu meinem Anspruch der perfekten Tochter. Und als mein Vater mir dann am Telefon sagte, ich solle doch zuhause bleiben, war ich zwar erleichtert, dass quasi er das „Nein“ für mich ausgesprochen hatte, doch den ganzen Tag plagte mich ein schlechtes Gewissen: Ging es mir wirklich so schlecht? Und je mehr ich mir ausmalte, wie er alleine den Tag verbringt, desto deutlicher spürte ich auch, dass es neben dem Pflichtgefühl vor allem meine Liebe zu ihm ist, die mich regelmäßig an seiner Haustür klingeln lässt. Dieses Mal hatte das „Ja“ für mich noch nicht geklappt, doch darum geht es auch gar nicht. Wichtig ist erst einmal das achtsame Erkennen des „Warum“.

Abgrenzung mithilfe klarer Grenzen

„Wenn du deine Grenzen stärken möchtest, dann musst du dir erst einmal erlauben, überhaupt eine Grenze zu haben und diese auch zu schützen. Und die Voraussetzung dafür ist wiederum, die eigene Grenze genau zu kennen.“

www.zeitzuleben.de

Je näher du bei dir selbst bleibst, desto klarer erkennst du, ob dein Handeln aus dem Herzen kommt oder vom Verstand diktiert wird. Der Verstand überschreitet viel zu oft unsere Herzensgrenzen. Unser Herz, dieses Hoheitsgebiet, müssen wir schützen, indem wir es stärken. Meditation ist ein Weg, um dich mit deinem Herzen zu verbinden. Aber auch tägliche Pausen, in denen du dir über deinen Atem deines Körpers und deiner Gefühle gewahr wirst, stärken diese Herzensgrenzen. Und täglich immer wieder die Gedanken hinterfragen: Tut mir das, was ich gerade denke, gut? Sind das Gedanken, die mich selbst übergehen oder entsprechen sie dem, was mich ausmacht?

Sobald wir uns durch Abgrenzung zu unserem wahren Selbst begeben, wird jeder Tag des Lebens ein erfüllter Tag sein – ein Museumstag.

Fotos in knalligen, fröhlichen Farben, Bilder in nebligem Grau und monotone Videoclips in Endlosschleife. – Jeder Tag ist es wert, als „Museumstag“ exponiert zu werden, wenn er ein Mosaikteilchen auf deinem Weg zu dir selbst darstellt. Authentisch und facettenreich. Wie auch das Leben sämtliche Abstufungen an Auf und Abs bereithält.Und mal ehrlich: Sind es in einem Museum nicht ebenso die aufwühlenden Gemälde, die von der Zerrissenheit des Künstlers ahnen lassen, vor denen wir in Anmut versinken?

  • Täglich versuche ich kleine Gedanken-Checks einzubauen: Was denke ich gerade? Wie fühlt sich dieser Gedanke an? Tut mir dieser Gedanke gut?
  • Jeden Morgen nehme ich mir ein, zwei Minuten Zeit und begrüße den Tag in Gedanken daran, dass es ein Museumstag wird – Himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt, achtsam heiße ich jeden Tag liebevoll willkommen.
  • Sobald ich spüre, dass ich mit meinen Gefühlen hadere, atme ich ein paar Mal tief ein und aus und umarme diese Gefühle liebevoll: So wie ich bin, bin ich okay..

Über Achtsamkeit im allgemeinen, was das ist und wie es dir hilft, kannst du hier weiterlesen

Worum es speziell beim Thema "Abgrenzung" geht, findest du hier ...